Paul Cézanne, Felsen und Bäume im Park des Château Noir, um 1904Zurück

Paul Cézanne
Felsen und Bäume im Park des Château Noir

Um 1904

Öl auf Leinwand
92 x 73 cm
Museum Langmatt, Baden
Inv.-Nr. 124

 

Von allen Bildern der Sammlung Sidney und Jenny Brown hat sich dieses der Gegenstandswelt am weitesten entfernt. Auch wenn man sich irgendwo in der Tiefe des Walddunkels die Ruine des Château Noir vorstellen möchte, ist sie nicht das Motiv des Bildes. Es sind vielmehr Bäume und Felsen, die im Blickpunkt stehen, somit eine relativ unspektakuläre Natur, gemäss dem traditionellen Bildverständnis der Epoche nicht unbedingt «bildwürdig», zumindest nicht als Hauptmotiv. Der Park des Château Noir diente Cézanne als ungestörter Rückzugsort zum Malen. Die Bäume und Felsen könnten sich prinzipiell auch an vielen anderen Orten in Südfrankreich befinden. In Wirklichkeit ging es Cézanne jedoch um etwas anderes: um Gestaltungsprinzipien jenseits der äusseren Natur.

Cézanne sah im Gewebe von Steinen, Erde und Pflanzen einen faszinierenden, dynamischen Rhythmus aus Formen und Farben, den er durch kleine, flächenhafte Farbfelder gezielt verstärkte. Indem er ausserdem die Vielfalt der Farben auf den für seine Werke typischen Dreiklang von Grün, Blau und Orange-Ocker konzentrierte, löste er auch auf dieser Ebene die Motive von ihrer gegenständlichen Verbundenheit. Zwei revolutionäre künstlerische Entscheidungen, die seinen Bildern Unverwechselbarkeit verleihen und den frühen Kubismus nur wenige Jahre später vorwegnehmen. Die Unabhängigkeit der Farben und Formen vom Gegenstand, den sie bezeichnen, die Freiheit, die sie sich nehmen, von der traditionellen Bezeichnung der Motive abzuweichen, um ihrer eigenen physikalischen und emotionalen Energie zu folgen, zeichnet die Malerei von Paul Cézanne aus und macht ihn zum wichtigsten, da innovativsten aller Impressionisten. Er stellte entscheidende Weichen für die Zukunft der Malerei.

Wenn wir zum Bild zurückkehren, verliert sich unser Blick auf der rechten Bildhälfte im Dickicht des Waldes. Zwischen Baumstämmen und Ästen, Blattwerk und Gebüsch, Felsen und Erde ist nicht leicht zu unterscheiden. Die einzelne Pflanze, der einzelne Stein treten zugunsten des vibrierenden Farbgewebes zurück. Nicht das Individuelle der Bäume, sondern ihre visuelle Kraft als Diagonale ist gefragt, ihre parallele Reihung, um den Rhythmus zu verstärken. Cézanne sah gewissermassen durch die Bäume hindurch die Struktur der Natur. Die Felsschichtungen auf der linken Bildhälfte kreuzen die diagonale Ordnung der Bäume und reissen unseren Blick in die Tiefe des Bildes. Dort, in der rechten Bildmitte, hat sich Cézanne definitiv von den Motiven gelöst und lässt uns in abstrakten Blau-, Grün- und Grauwerten versinken. Hier befreit sich die Farbe von ihrer traditionellen, jahrhundertealten Aufgabe, die Welt zu schildern. Stattdessen erleben wir diesen Wald als einen Sehnsuchtsort, der uns die Möglichkeit gibt, in das Geheimnis des ewigen Werdens und Vergehens der Natur einzutauchen.

Markus Stegmann in: «Herzkammer», Museum Langmatt 2020