Mary Cassatt, Kind auf blauem Kissen, 1881Zurück

Mary Cassatt
Kind auf blauem Kissen
1881

Pastell auf Papier auf Karton
44 x 43 cm
Museum Langmatt, Baden
Inv.-Nr. 115

 

Sorgfältig verpackt, gut gehüllt und weich gebettet. Keine Frage, das Kindchen ist bestens geschützt und zugedeckt, wo immer es sich auch befinden mag. Der Hintergrund legt ein Kinderbett nahe, aber die genauere Bestimmung bleibt offen. Es geht auch gar nicht um den Ort oder um ein erzählerisches Moment, was ja bei Kinderbildern gut möglich wäre. In dieser Studie versinkt das Kindchen nicht nur in seinen Polstern und Gewändern, sondern vor allem in einem wunderbar vielfältigen Spektrum von Blautönen. Kalte und warme, helle und dunkle, rote und grüne Blauwerte finden sich in ein vibrierendes Gewebe transformiert, das die Grenzen von Kissen, Kleid und Haube auflöst und in eine flackernde Umgebung verwandelt. Unser Blick ist vom erstaunlich plastisch und realistisch ausgearbeiteten Gesicht gebannt. Dorthin zieht uns eine magische Energie immer wieder aufs Neue. Wie eine funkelnde Perle liegt es still in seiner wilden Muschelschale.

Rosig, pausbäckig, ordentlich ernährt – das Kleine scheint zufrieden, und doch weht ein milder Hauch von Unwohlsein heran, was sich an den leicht gesenkten Augenlidern ablesen lässt, subtil sekundiert vom Mündchen, das sich eben beginnt, unsanft aufzuwölben. Schon wird das linke Händchen herangezogen, um gleich trotzig zu agieren. Anzeichen dafür, dass dieses Sinnbild von Friedlichkeit und Elternglück im nächsten Moment getrübt sein könnte.

Die rasch skizzierten Striche und Schraffuren, teils eilig miteinander verwischt, vermitteln Ruhe und Unruhe zugleich. Der zeichnungshafte Strich der Pastellkreide unterstützt die Auflösung der Motive. Die räumliche Tiefe des Blaus kann sich nicht wirklich entfalten, wird es doch von der Vielzahl seiner Striche und der Durchlässigkeit des groben, rasch hingeworfenen Gewebes gebrochen. Umso funkelnder leuchtet die grosse Perle des Gesichts, seine Geschlossenheit, Unversehrtheit und Ruhe. Wenn nur nicht die Anzeichen wären, dass schon im nächsten Moment menschliches Unwohlsein hervortreten könnte.

Markus Stegmann in: «Herzkammer», Museum Langmatt 2020