Sidney W. Browns Herkunft

 

1851 war Sidneys Vater, Charles Brown (1827-1905), Sohn eines streng religiösen Zahnarztes in Uxbridge bei London, von dem Giessereibesitzer Johann Jakob Sulzer-Hirzel als Ingenieur aus dem technisch führenden England nach Winterthur berufen worden. Dank den Erfindungen dieses hochbegabten jungen Ingenieurs, der sich vor allem als Konstrukteur von Ventil-Dampfmaschinen einen Namen machte, entwickelte sich die Firma Gebrüder Sulzer zu einem der bedeutendsten Maschinenproduzenten der Schweiz mit weltweiter Ausstrahlung .[1]Durch die Heirat mit Eugenie Pfau (1845-1929) aus der angesehenen Winterthurer Hafnerfamilie Pfau, die im 17. Jahrhundert für ihre prachtvollen Kachelöfen bekannt war, hatte sich der junge Engländer rasch in die Kreise des Winterthurer Bürgertums integriert. Charles Brown war ein genialer kreativer Kopf, stets voll neuer Ideen, rastlos tätig bis in seine letzten Lebensjahre, die er als selbständiger Konstrukteur, Erfinder und beratender Ingenieur in Basel verbrachte. Der finanzielle Erfolg seiner Tätigkeit kümmerte ihn so wenig, dass er es selber zu keinem bemerkenswerten Wohlstand brachte.

Seine beiden Söhne Charles Eugene Lancelot (1863-1924) und Sidney William wuchsen zusammen mit vier Schwestern in gutbürgerlichen, aber einfachen Verhältnissen auf und liessen sich, weil sie die ausserordentliche technische Begabung des Vaters geerbt hatten, am Technikum Winterthur 1880-1882 zu Ingenieuren ausbilden. Erste Berufsfahrung konnten sie an der Seite des Vaters sammeln, der 1871 aus der Firma Sulzer ausgeschieden war, um die Führung der neu gegründeten Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur und 1884 -1885 die Leitung der neu geschaffenen elektrotechnischen Abteilung der Maschinenfabrik Oerlikon zu übernehmen. Es zeugt vom Weitblick des Vaters, dass er seine beiden Söhne dazu ermunterte, sich der zukunftsträchtigen Elektrotechnik zuzuwenden. Während Charles E.L. 1885 die Nachfolge des Vaters in Oerlikon antrat, begleitete Sidney W. diesen nach Pozzuoli bei Neapel, wo Charles Brown sen. im Auftrag der englischen Firma Armstrong, Mitchell & Co. eine staatliche Waffen- und Marinewerkstätte aufbaute. 1888-1889 unternahm Sidney W. eine vierzehn Monate dauernde Reise in den Fernen Osten, die ihn unter anderem nach Australien, Neuguinea und Indonesien führte und von welcher er neben Photographien auch volkskundliche Gegenstände wie handgeschmiedete Waffen nach Hause brachte. Möglicherweise erwachte auf dieser Reise unter dem Eindruck fremder Kulturen in dem dreiundzwanzigjährigen Ingenieur die Sammlerleidenschaft. Nach seiner Rückkehr im Sommer 1889 arbeitete Sidney W. als Chefkonstrukteur der Maschinenfabrik Oerlikon eng mit seinem Bruder zusammen, der dort inzwischen eine angesehene Stellung inne hatte.

 

Sidney W. Brown und die BBC

Als der Bruder Charles E.L. Brown 1891 zusammen mit dem Deutschen Walter Boveri (1865-1924) im ländlichen Baden die Firma Brown, Boveri und Cie. gründete, trat ihr Sidney W. noch in demselben Jahr bei.[1]War Charles E.L. Brown ein genialer Erfinder auf dem Gebiet der Elektrotechnik, den Sidney W. als Konstrukteur und technischer Direktor hervorragend ergänzte, so brachte Boveri,der einer sich zur Elite zählenden Arztfamilie Bambergs entstammte, neben einer soliden Ingenieurausbildung auch ausserordentliche kaufmännische Fähigkeiten mit.[2]Das benötigte Startkapital von einer halben Million Franken wurde den noch nicht dreissigjährigen Firmengründern von Boveris Schwiegervater, dem Zürcher Seidenindustriellen Conrad Baumann, zu Verfügung gestellt. In erstaunlich kurzer Zeit gelangen den jungen Ingenieuren dank ihrem Wagemut und ihrer Innovationskraft bahnbrechende Pionierleistungen auf dem Gebiet der Elektrotechnik, welche der Badener Firma schnell zu europäischer Bedeutung verholfen.

In visionärer Voraussicht hatten die beiden Ingenieure den rapide steigenden Elektrizitätsbedarf wahrgenommen. Der Bau von Grosskraftwerken im In- und Ausland, die Bahnelektrifikation, der Lokomotiv- und der Elektromaschinenbau wurden Hauptaufgaben der Firma BBC, die 1900 mit der Gründung einer Tochtergesellschaft nach Mannheim expandierte und schliesslich zu einem weltumspannenden Konzern heranwuchs.

Sidney W. Brown kam in der Gründungsphase die Aufgabe zu, Charles‘ kühne Entwürfe, welche oft nur aus flüchtigen Skizzen bestanden, exakt durchzurechnen, werkstattgerecht zu Papier zu bringen und schliesslich die fertigen Produkte zu prüfen. Ihm unterstanden die Konstruktionsbüros, Werkstätten und Versuchsabteilungen. Seit 1898 Teilhaber, wirkte er von 1900 bis 1935 als Delegierter des Verwaltungsrats der Firma BBC und prägte deren Entwicklung entscheidend mit. Diese Aufgabe erfüllte er dank grosser fachlicher Kompetenz sowie hoher sozialer Verantwortung sehr erfolgreich. Im Unternehmen wurden sein offenes, zugängliches Wesen und seine Menschlichkeit geschätzt; schwierige Situationen und Probleme verstand er mit feinem Gespür zu lösen. „In der Geschichte von Brown Boveri bildet Sidney W. Brown eine ausschlaggebende und in höchstem Grade sympathische Gestalt“ bestätigt Theodor Boveri, der ältere Sohn des Firmenmitbegründers.[3]

So ausgezeichnet sich die beiden Brüder beruflich ergänzten, so unterschiedlich waren ihre Charaktere. Der grossgewachsene, wohlgebaute Charles E. L. war eine eigenwillige, selbstbewusste Gestalterpersönlichkeit mit romantischem Hang zur Vergangenheit und einer gewissen Exzentrik, was in der prunkvollen Anlage seiner Villa Römerburg ebenso zum Ausdruck kam wie in der Haltung einer wilden Tigerkatze als Haustier — sie landete nach vielen Aufregungen im Basler Zoo - oder Kunststücken auf dem Hochrad, mit dem er lange Zeit den Weg zwischen seinem Wohnort und der Fabrik zurücklegte.[4]Gleichzeitig hatte der kühne Erfinder aber auch ein brennendes Interesse an allen neuen technischen Errungenschaften seiner Zeit. Vom Flugpionier Otto von Lilienthal erwarb er schon 1894 ein Segelflugzeug und von Louis Blériot 1909 nach dessen Kanalüberquerung ein Aeroplan. Nach den aufsehenerregenden Automobilrennen Paris-Wien 1902 und Paris-Madrid 1903, die beide von Renault gewonnen wurden, kauften Charles E. L. Brown wie auch sein Kompagnon Boveri 1904 einen Wagen dieser Marke[5]. Auch erwarb er ein Gerät zur Herstellung von flüssiger Luft und nach der Entdeckung des Radiums durch das Ehepaar Curie eine kleine Menge dieses Elements in Bleikapseln. Vitalität und Wagemut zeichneten ihn ebenso aus wie eine überschäumende Phantasie. Er liebte es, auf Kostümfesten in Verkleidungen alle möglichen Facetten des Daseins spielerisch zu erkunden und seine Umgebung zu verblüffen. Als Vater einer stattlichen Familie — mit vier Kindern aus der ersten Ehe mit Amelie Nathan (1864-1914) und zwei Kindern aus der zweiten Ehe mit Hilda Goldschmid (1893-1963) — verwendete er seinen Erfindergeist aber auch in liebevoll illustrierten Geschichten zu Erziehungszwecken.


 

[1]. Norbert Lang, Charles E.L. Brown 1863-1924, Walter Boveri 1865-1924. Gründer eines Weltunternehmens. (Schweizer Pioniere der Wirtschaft 55), 2. aktualisierte Aufl., Zürich 2000.

[2]Walter Boveri, Ein Weg im Wandel der Zeit. Bd 1, Die Jugendjahre, München 1963. Bd 2, Die Laufbahn, München 1969.

[3]Theodor Boveri, Sidney W. Brown. Zu seinem 100. Geburtstag am 7. März 1965, in: Wir und unser Werk. Brown Boveri Hauszeitung 1965/4, S. 68.

[4]Walter Boveri, Ein Weg im Wandel der Zeit I, München 1963, S.

[5]Das serienmässig hergestellte Automobil setzte sich zwischen 1903 und 1905 als Fahrzeug für den privaten Gebrauch durch und verdrängte allmählich die Pferdekutsche. (Vgl. L’histoire de l’automobile en France, Fernand Nathan 1982, S. 36). Zur Firma Renault bestand überdies durch den mit Louis Renault befreundeten BBC-Ingenieur Albert Aichele eine Verbindung, der dem Autokonstrukteur technische Anregungen gab und höchstwahrscheinlich auch der Erfinder des Kardangetriebes war, das dem Automobil erst zu seinem Erfolg verhalf. (Vgl. Walter Boveri I, S. 88).



[1]Walter Labhart, Johann Jakob Sulzer-Hirzel (1806-1883), Salomon Sulzer-Sulzer (1809-1869). Gründer der Gebrüder Sulzer in Winterthur. (Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik 40), Zürich 1984.