Jenny Brown-Sulzer: L’élan vital

Dem Halbengländer Sidney W. Brown mit seiner gewinnenden Art stand in Jenny Sulzer eine Gattin zur Seite, die ihn vorzüglich ergänzte. Von hoher, schlanker Gestalt und energischem Ausdruck, wirkte sie auf den ersten Blick eher streng, doch wurde ihr wahres Wesen durch Güte und Mitgefühl bestimmt. Ihr starker Wille paarte sich mit Intelligenz, geistiger Offenheit und einem ausgeprägten Schönheitssinn. Sie war in Winterthur als Tochter des Seniorchefs der Firma Gebrüder Sulzer, Jakob Heinrich Sulzer (1837-1906) und der Bertha Sulzer-Steiner (1841-1927), einziger Tochter des früheren Stadtpräsidenten Carl Eduard Steiner, im Kreise von fünf Geschwistern aufgewachsen. Bis zum Bau der Villa „Unteres Alpgut“ bewohnte die Familie ein Haus neben der Giesserei und in den Sommermonaten das Steinersche „Alpgut“ am Lindberg. Das Interieur der geräumigen Villa war mit historistischem Mobiliar und erlesenen Erbstücken aus der Familie Steiner ausgestattet. Dazuerworbene Bildnisse von der Hand des berühmten Winterthurer Porträtisten Anton Graff, der als Hofmaler in Dresden Bekanntheit erlangte, schmückten die Wände. Nach einem Sprachaufenthalt in der Westschweiz soll Jenny laut mündlicher Überlieferung in München eine kurze Ausbildung als Malerin erhalten haben, ähnlich wie die fast gleichaltrige Winterthurer Kunstsammlerin Hedy Hahnloser-Bühler (1873-1952), die ebenfalls vor der Jahrhundertwende Malerei in München studierte. Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen viele Deutschschweizer Künstler zur Ausbildung an die Akademie in München, die jedoch nur männlichen Adepten offen stand, während Frauen freie Malateliers zu besuchen hatten. Unter den wenigen Zeugnissen von Jenny Browns künstlerischer Tätigkeit ragt ein Paravent mit der Darstellung ihrer Eltern vor dem Haus neben der Giesserei heraus, der von solidem malerischen Können zeugt. Nach ihrer Eheschliessung soll Jenny von dem Maler Karl Rauber, der nach seiner Ausbildung in Karlsruhe 1896 nach Baden gekommen war, Unterricht erhalten haben.[1]Zweifellos weckte die eigene Malerfahrung ihr Interesse für die Kunst der Zeit und schärfte ihre Augen als Sammlerin.

Ihr Leben als Industriellengattin und Mutter dreier Söhne verlief in vielem in vorgezeichneten Bahnen. Mit Hilfe von Angestellten führte sie einen anspruchsvollen Haushalt, empfing nahezu täglich Gäste, gab Empfänge, Kostümfeste, Bälle und Konzerte. Grosse Sorgfalt verwendete sie auf die Erziehung der Söhne, die, von einer englischen Gouvernante betreut, zweisprachig aufwuchsen, später Internate besuchten und alle drei Jura studierten. Mit ihrer Familie in Winterthur verband sie eine ebenso innige Beziehung wie mit dem Schwager in der benachbarten „Römerburg“ und dessen erster Gattin Amelie Brown-Nathan. Umgang wurde auch mit den Familien der etwa gleichaltrigen leitenden Ingenieuren der BBC gepflegt, darunter jener von Albert Aichele und Agostino Nizzola. Zahlreiche Sozialwerke und wohltätige Badener Institutionen kamen regelmässig in den Genuss ihrer Unterstützung.

Man würde jedoch der Persönlichkeit dieser starken Frau nicht gerecht werden, wollte man sie auf nur die Rolle von „Hausfrau, Gastgeberin und Wohltäterin“ begrenzen.[2]Durch die rege Teilnahme am künstlerischen Geschehen ihrer Zeit, das sie und ihren Gatten zu häufigen Ausstellungsbesuchen und Kunstreisen im In- und Ausland, zum Kontakt mit Künstlern und Kunstliebhabern und vor allem zum eigenen Kunstsammeln veranlasste, öffneten sich Jenny Brown Welten, die weit jenseits dieses gängigen Sozialklischees liegen. Wie vielseitig gebildet sie war, zeigt die Bibliothek der „Langmatt“, in welcher neben den Klassikern und der Belletristik des 18. Jahrhunderts kostbare Künstlereditionen eines Ambroise Vollard, die aktuellste Kunstliteratur und stilbildende Kunstzeitschriften wie „Die Jugend“ oder „Deutsche Kunst und Dekoration“ standen. Auf dem Doppelporträt der Eheleute von 1916/1917 charakterisierte der Wiener Expressionist Max Oppenheimer die Browns als weltoffenes Paar, indem er Jenny nicht nur mit einer Schweizer Tageszeitung sondern auch mit „L’élan“ darstellt, dem 19.. gegründeten Organ der französischen Puristen — hier überdies von dem sensiblen Zeitzeugen als Metapher zur Charakterisierung Jennys als „élan vital“ des Ehepaares eingesetzt — während er Sidney W. als Unternehmer mit einer englischen Tageszeitung porträtiert.

Ihre privilegierte soziale Stellung verstand Jenny Brown intelligent in Bildung und eigene kulturelle Aktivitäten umzumünzen und damit einen Schritt zur Emanzipation zu unternehmen, den erst Frauen der nächsten Generation in grösserer Zahl zu tun wagten. Der gebildeten und aktiven Frau ihrer eigenen Generation stand der höhere Bildungsweg noch nicht offen und Angehörige ihrer Gesellschaftsschicht traten üblicherweise nicht in die Öffentlichkeit. So entdeckte man erst nach dem Tod ihrer Schwägerin Juliet Melms-Brown, einer ausgebildeten Malerin, deren so qualitätvolles wie umfangreiches Lebenswerk.[3]Die einflussreiche Winterthurer Sammlerin Hedy Hahnloser-Bühler war zwar spiritus rector einer Bewegung für zeitgenössische Kunst, jedoch gehörte nicht sie sondern ihr Gatte dem prestigeträchtigen Vorstand des Winterthurer Kunstvereins an, - in dem auch Jennys Bruder Hans Sulzer vertreten war. Mit Überzeugung eigenständige Wege beschritten hingegen Jennys unverheiratete Nichten, die Bildhauerin und Indologin Alice Boner (1889-1981)[4] die Regisseurin und Malerin Dr. Georgette Boner (1903-1998)[5]. Im gleichen Atemzug wäre Walter Boveris Nichte, die prominente politische Journalistin und Schriftstellerin Dr. Margret Boveri (1900-1975)[6]zu nennen.



[1]Vgl. Silvia Siegenthaler, in: Von München nach Paris. Die Sammlung Brown zwischen Sezession und Impressionismus. [Ausstellungskatalog]Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown, (Kleine Schriften, Heft 5), Baden 1998, S. 14 ff.

[2]Vgl. Sarah Brian, Hausfrau, Gastgeberin, Wohltäterin. Die Frau der Badener Oberschicht um die Jahrhundertwende, in: Badener Neujahrsblätter 2000, S. 98-113.

[3]Georgette Boner, Die Malerin Juliet Brown. Eine Monographie, Zürich 1992

10Alice Boner, Principles of composition in Hindu sculpture, Leiden 1962 (2 Aufl. Motial Banarsidass Publishers, Delhi 1990)

[5]Fischer, Eberhard / Preiswerk, Eva-Maria (Hrsg.), Georgette Boner: Bilder, Texte, Theater, Zürich/ Baden 1996

[6]Johnson, Uwe (Hrsg.) Margret Boveri. Verzweigungen. Eine Autobiographie, München/Zürich 1977