Sonderausstellung
Théophile-Alexandre Steinlen (1859-1923), Chronist des Fin de siècle
Museum Langmatt, Baden, 27. April — 6. Juli 2008
Steinlen a joué un trop grand rôle ... pour qu’on en parle à la légère.
Guillaume Apollinaire
Der 1859 in Lausanne geborene und seit 1881 in Paris lebende Zeichner, Lithograph, Radierer, Maler und Bildhauer Théophile-Alexandre Steinlen zählte um 1900 zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten. Seine frühen Zeichnungen und druckgraphischen Werke des Alltagslebens von Montmartre sowie seine politischen Illustrationen und Plakate machten ihn rasch weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. 1903 fand in Paris in der Galerie Pelletan eine grosse Einzelausstellung seiner Werke statt. Im Vorwort des Kataloges schrieb der französische Schriftsteller und Sozialist Anatole France (1844 — 1924), dass „Steinlen zu berühmt ist, als dass man noch daran denken müsse, ihn erst vorzustellen.“ Nach seinem Tode 1923 geriet der Künstler allerdings etwas in Vergessenheit, er ist heute vor allem durch seine Katzendarstellungen bekannt. Dies mag daran gelegen haben, dass Steinlen sein künstlerisches Engagement konsequent mit seinem politischen Engagement verband, was die kunsthistorische Forschung immer wieder als „unstatthafte Verquickung“ (P. Dittmar) ansah.[1]

Steinlen se rendant au 'Gil Blas', 1895
Anhand von rund 70 Werken (Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, druckgraphische Werke, Originalbände), die mehrheitlich aus bis anhin unbekannten Schweizer Privatsammlungen stammen, möchte die Ausstellung insbesondere das Schaffen der frühen Pariser Jahre einem grösseren Publikum näher vorstellen und aufzeigen, dass der in der Tradition eines Honoré Daumier oder Gustave Doré stehende Künstler mit den künstlerischen und ideologischen Strömungen seiner Wahlheimat nicht nur vertraut war, sondern diese wesentlich prägte.
In Frankreich fanden Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeutende und folgenreiche politische Ereignisse statt: In den Jahren 1886 bis 1889 sammelte sich eine antiparlamentarisch-nationalistische Bewegung um den Kriegsminister Georges Boulanger — ein Staatsstreich konnte knapp verhindert werden. 1892/93 erregte der finanzielle und politische Skandal um den Bau des Panama-Kanals die Gemüter und die von 1894 bis 1906 andauernde Dreyfus-Affäre spaltete die Nation. Die sozialen und ideologischen Spannungen dieser Zeit führten unter anderem zur Trennung von Kirche und Staat, zum obligatorischen Schulwesen sowie zu einer Arbeitsgesetzgebung. Diese innenpolitische Geschehnisse sowie vor allem später der Erste Weltkrieg bestimmten das antiklerikale und antimilitärische Oeuvre von Théophile-Alexandre Steinlen, der nach der Lektüre von Zolas „Schnapsbude“ („L’Assommoir“) beschlossen hatte, nach Paris zu ziehen.

Laveuses, ca. 1900
Vevey, Musée Jenisch
Steinlens Werk, das „nicht für den Salon oder das Museum erschaffen worden ist, sondern für den Zeitungsverkäufer und die Mauer“ (M. Thévoz), erfasst einen grossen, damals vernachlässigten Sozialbereich. Steinlen schildert das Leben auf der Strasse in all seinen Facetten, die Not der Arbeiterklasse, Streik und Arbeitslosigkeit, aber auch die Vergnügungen und Verlockungen sowie die Erotik der sogenannten Midinettes. Mit Sozialisten und Anarchisten kämpft er gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg. Dabei sind seine gesellschaftskritischen Beobachtungen und Stellungnahmen nicht ideologisch verordnete Parteilichkeit, sondern Ausdruck seines Weltverständnisses.
La grève, 1900-1905
Vernon, Musée Poulain

Le gueux, 1910
Privatbesitz
Steinlen selber verstand sich als einen konsequent der Modernität verpflichteten Künstler: „Jamais je n’ai fait un dessin rétrospectif. Je ne peux pas toucher à l’archaisme. Cela me laisse froid. Je n’aime que la vie grouillante.“[2]Und weiter: „Tout sort du peuple et nous ne sommes que ses porte-voix, les alambics où se condense sa confuse pensée.“[3]

Alexandre-Théophile Steinlen
Dans la vie
Cent dessins en couleurs
Sevin et Rey, Paris, 1901
Die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung
T.-A. Steinlen als Illustrator für den „Chat Noir“ (1883 - 1891), den „Mirliton“ (1885 - 1896) und den „Gil Blas illustré“ (1891 - 1900)
Noch heute verdankt T.-A. Steinlen dem Katzenmotiv seine Popularität. Auch sein künstlerischer Einstieg in Montmartre war eng mit diesem Motiv verbunden, das ihn zeitlebens begleitete: 1882 betätigte sich Steinlen erstmals als Illustrator der Kabarettzeitschrift „Chat Noir“, welche bis 1896 erschien. Das am 18. November 1881 von Rodolphe Salis (1851—1897) gegründete cabaret artistique „Chat Noir“ am Pariser Montmartre, eine Vereinigung von Literaten des Quartier Latin und Malern des Montmartre, war Mittelpunkt des bürgerlichen, literarischen und mondänen Paris. Hier verkehrten, um nur einige der bekannten Namen zu nennen, Paul Verlaine, Emile Zola und Guy de Maupassant.
Neben der Unterhaltung diente der „Chat Noir“ einer gegenbürgerlichen Profilierung der damaligen künstlerischen Bohème: „Nous, les ‚En dehors’“ („Wir, die sich ausserhalb, in freiwilliger Aussenseiterschaft befinden“), umschrieb der Literat Paul Adam (1862 — 1920) diesen Tatbestand in Anspielung auf den Titel der literarischen, anarchistisch orientierten Zeitschrift „L’En dehors“ von Zo d’Axa (1864 — 1930).
Chefredakreur der Kabarettzeitschrift war Emile Goudeau, ab 1896 Alphonse Allais. Die Startauflage betrug 12 000 Exemplare und stieg später auf 20 000. Das Blatt enthielt kleine Feuilletons, sketchartige Texte, Informationen und auf der dritten Seite eine ganzseitige Schwarzweisszeichnung. Eine Abstimmung von Text und Illustration bestand nicht. In den ersten beiden Jahrgängen dominierte der Illustrator und Karikaturist Adolphe Léon Willette (1857 — 1926), der die Bildergeschichte in den „Chat Noir“ einführte. In den folgenden Jahrgängen übernahm Steinlen Willettes Position und sicherte in diesem Zeitraum über seinen Vorgänger hinaus der Bildergeschichte ihren Rang. Die Hauptzeit von Steinlens Tätigkeit lag zwischen 1884 und 1886, danach nahm die Anzahl der Beiträge bis 1891, dem letzten Jahr von Steinlens Mitarbeit, kontinuierlich ab.
Steinlen verzichtete in den Bildergeschichten ganz auf den begleitenden Text. Auf diese Weise bewahren die Bilder einen eigenständigen, vignettenartigen Charakter.
In der Mehrzahl handelt es sich um Tiergeschichten, in denen die Bewegungen der Tiere, vor allem von Katzen, aufgrund präziser Beobachtung stets auf neue Art und Weise dargestellt sind. Einige Erzählungen erinnern an satirische Bildergeschichten von Wilhelm Busch (1832 — 1908), doch zeichnet Steinlen kleinteiliger. Nur selten findet sich in den Alltagsbeobachtungen Steinlens die Ausrichtung der Arbeit auf einen erzählerischen Höhepunkt. Die besondere Stimmung in diesen Tiergeschichten wird durch blosse Präsentation, durch eine „lakonische Kommentarlosigkeit“ (P. Dittmar) erzeugt.
Den nächsten und entscheidenden Schritt vollzog Steinlen in Zusammenarbeit mit Aristide Bruant (1851 — 1925). Der Kabarettsänger, Komödiant und Poet wurde durch die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec (1864 — 1901) bekannt, auf denen er als Mann im roten Schal und schwarzen Mantel zu sehen ist. Er hatte ebenso wie Steinlen sein erstes Betätigungsfeld im „Chat Noir“ gefunden, wo sich beide im Januar 1884 kennenlernten. Als es Rodolphe Salis in seinen Räumen am Boulevard Rochechouart zu eng geworden war und er deshalb beschloss umzuziehen, übernahm Aristide Bruant im April 1885 das Lokal, um seinerseits ein cabaret artistique unter dem Namen „Le Mirliton“ zu eröffnen. Im selben Jahr gründete Bruant seine bis 1896 unregelmässig erscheinende Zeitschrift gleichen Namens, für die Steinlen von Anfang an der Hauptillustrator ist.
Die Titelseite schmückte eine meist farbige Zeichnung, der jedes Mal der Abdruck eines Liedes von Bruant und literarische Beiträge von Camille de Sainte-Croix, Courteline und Alphonse Allais folgten. Ab 1888 stammt das Titelblatt fast ausschliesslich von Steinlen.

Jaloux Les vrais dos,
'Le Mirliton' 'Le Mirliton'
n. 138, 1893 n. 115, 23 juin, 1893
In den ersten Jahrgängen bleibt er noch in dem dünnfedrigen Stil verhaftet, den auch die Zeichnungen für den „Chat Noir“ besitzen, oder er versucht sich, bis etwa 1890, in der Sittenzeichnung (und signiert mit Jean Caillou, der Übersetzung seines deutschen Namens). Mit den Arbeiten für den „Mirliton“ tastete sich Steinlen, nachdem er mit den lebhaften Figürchen und vignettengrossen Tierdarstellungen begonnen hatte, an die szenisch reicher ausgestaltete Zeichnung heran. Er löste sich mehr und mehr vom „unfreien“ Federstrich, von der Illustration und der Sittenzeichnung seiner Zeit und ihren Hauptvertretern, wie beispielsweise Jean-Louis Forain, bis er sich schliesslich seiner eigenen Ausdrucksmöglichkeiten bewusst war und seinen unverwechselbaren Stil gefunden hatte. Dabei schärften Chansontexte Steinlens Blick für einen bestimmten Ausschnitt der Realität, wie umgekehrt die aus der Realität gezogene und zeichnerisch verarbeitete Eindrücke durch die Poesie ergänzt wurde, zu der alltäglichen Erfahrung die Imagination trat.
Steinlen entwickelte seinen Stil und seine Themen im „Gil Blas illustré“ weiter. Die Arbeit für das berühmte Satireblatt war in zeitlicher und quantitativer Hinsicht die umfangreichste, welche er für eine Zeitschrift leistete (1891 — 1900). In diesem Zeitraum fertigte Steinlen wöchentlich ein bis zwei Illustrationen, meistens die Titelzeichnung und eine im Innern des Blattes. Der Ruf, den sich Steinlen als Illustrator des „Chat Noir“ und des „Mirliton“ erworben hatte, der aber noch mit dem lokalen Milieu Montmartres verbunden blieb, drang nun über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. Steinlen hatte mit seiner Arbeit für den „Gil Blas“ seine künstlerische Sprache gefunden. Dazu gehört auch die hier entwickelte Typenwelt, die leitmotivisch sein gesamtes Oeuvre durchzieht (Arbeiter, Kokette, Gauner, Bummler, Ausgebeutete, Vagabunden, Betrüger, Liebespaare ...).
T.-A. Steinlen als Illustrator für politische Zeitschriften
Die in einem umgrenzten Zeitraum von gut zehn Jahren sich vollziehende Arbeit an politischen Zeitschriften beginnt für Steinlen mit dem „Chambard socialiste“. Steinlen arbeitete für den „Chambard socialiste“ vom 16. Dezember 1893 bis zum 21. Juli 1894. In diesem Zeitraum erstellte er für die Zeitschrift mit einer Ausnahme jedes Titelblatt, insgesamt 31 vornehmlich dem Arbeiterproblem gewidmete Illustrationen. Seine Nachfolge trat bis zur Einstellung des Blattes am 8. Juni 1895 der schon während der Kommune hervorgetretene Karikaturist Moloch an.

'L'Assiette au Beurre', n. 15, 1901
14 juillet
'L'Assiette au Beurre', n. 129, 1903
Erreurs judiciaires
In einem zeitlichen und historischen Zusammenhang steht damit die nachfolgende politische zeichnerische Tätigkeit, zuerst von 1897 bis 1899 für die „Feuille“, die ihre Existenz der Dreyfusaffäre verdankt, dann seit Anfang des Jahrhunderts für die „Assiette du Beurre“, und in geringerem Umfang für den „Canard sauvage“, wo Steinlen die frühere, mehr sozial und prinzipiell ausgerichtete Kritik an der Dritten Republik stärker auf die tragenden Institutionen bezieht und an Einzelfällen exemplifiziert.
T.-A. Steinlen als Illustrator für Plakate und Buchumschläge
Vom „Gil Blas illustré“ abgesehen, gründete Steinlens Ruf in den neunziger Jahren vor allem auf der Plakatkunst. Zu diesem Bereich ist ebenfalls der plakatmässig gestaltete Buchumschlag zu zählen. Neben den technischen Voraussetzungen (Neubelebung der Farblithographie) war der Aufschwung von Paris zur Wirtschafts- und Kulturmetropole gegen Ende des Jahrhunderts der Plakatentwicklung besonders förderlich.
1893 schuf Steinlen mit „Mothu et Doria“ sein erstes bedeutendes Plakat. Die Darstellungsweise der beiden Schauspieler Mothu und Doria in klarer, von japanischer Graphik beeinflusster Umrissführung vor einem annäherungsweise neutralen Hintergrund, war ein künstlerisches Verfahren, welches Steinlen seit 1891 im „Gil Blas“ für die Zeichnung erprobt hatte. Die Sicherheit, die er nun hierin beweist, kann zweifellos als Ergebnis der fruchtbaren Auseinandersetzung mit Toulouse-Lautrec angesehen werden.
Besonders populär wurde das ein Jahr später geschaffene Plakat „Lait pur stérilisé de la Vingeanne“: ein junges Mädchen, des Künstlers Tochter Colette, im Profil nach links sitzend, trinkt aus einer Schale Milch. Sehnsüchtig beobachten drei Katzen den Vorgang.

Lait pur stérilisé de la Vingeanne, 1895
Zürich, Museum für Gestaltung
Mit diesen Plakaten stand Steinlen fürs erste noch im Schatten der anderen Plakatkünstler, wie Chéret, Grasset, Toulouse-Lautrec, de Feure, wenn auch seine „Yvette Guilbert“, ebenfalls aus dem Jahre 1894, unter den vielen ihr gewidmeten Darstellungen besonderen Zuspruch fand.
Yvette Guilbert, 1894
Zürich, Museum für Gestaltung
Erst 1896, also verhältnismässig spät, fand Steinlen allgemeine Anerkennung mit dem Plakat „Tournée du Chat Noir“, dessen bildbestimmende schwarze Katze an ägyptische Katzenbronzen erinnert. Das „Chat Noir“-Plakat machte auf die Zeitgenossen grössten Eindruck: es wurde zum Inbegriff Montmartres, dessen Blüte allerdings inzwischen der Vergangenheit angehörte.

Tournée du Chat Noir avec Rodolphe Salis, 1894
Zürich, Museum für Gestaltung, Plakatsammlung
Nahe stehen den Plakaten die von Steinlen zahlreich angefertigten Buchumschläge und andere Titelentwürfe. Ebenso wie beim Plakat waren die angesehensten Vertreter Toulouse-Lautrec, Chéret und Steinlen. Steinlen schuf eines der frühen Beispiele mit dem Einband des ersten Bandes von Aristide Bruants „Dans la Rue“ von 1888, dem 1895 jener des zweiten Bandes folgte.
Für Albert Langen, Mitbegründer des 1896 erstmals erschienenen „Simplicissimus“, führte Steinlen 1895 die Einbanddeckel zu Vanderems „Asche“ und Hermants „Nathalie Madoré“ aus.
Noch im gleichen Jahr druckte die von Otto Julius Bierbaum und Julius Meier-Graefe von 1895 bis 1900 herausgegebene Kunst- und Literaturzeitschrift „Pan“ in seinem ersten Jahrgang diese beiden Arbeiten als Beispiele der französischen Buchgestaltung seitengross und farbig zusammen mit einem Umschlag von Thomas Theodor Heine ab.
Die grosse gestalterische und stilistische Variationsbreite, die Steinlens Buchentwürfe auszeichnet, verdeutlichen auch die Arbeiten für Delmets „Chansons de Femmes“ von 1897 und „Chansons de Montmartre“ von 1899.
T.-A. Steinlen und die Buchillustration
Neben der politischen Zeitschriftentätigkeit beschäftige Steinlen zu Beginn des neuen Jahrhunderts vor allem die Buchillustration. Bevor sich Steinlen an seiner Gestaltung seit 1900 an vorrangiger Stelle beteiligte, hatte er die Buchillustration an sich schon lange gepflegt. Sie war seit Mitte der achtziger Jahre neben den „Chat Noir“-Zeichnungen sein wichtigstes Betätigungsfeld zur Erarbeitung seines Illustrationsstils gewesen. Doch genügten weder die Illustrationen noch die Ausstattung jener Bücher im allgemeinen einem höheren Anspruch. Etwas aus dem Rahmen fielen Bruants von Steinlen illustrierte Chansonbände „Dans la Rue“ von 1888 und 1895.
Üblicherweise wurden populäre Chansons als Hefte mit wenigen Illustrationen veröffentlicht, nicht aber in den von Bruant und Steinlen gewählten Umfang und in dieser Form: Waren die Illustrationen des ersten Bandes und ihre Einfügung in den Satzspiegel noch konventionell, so verteilte Steinlen in dem zweiten Band von 1895 seine Zeichnungen in origineller, geradezu unorthodoxer Weise auf die Druckseiten.
Die eigentliche buchkünstlerische Arbeit beginnt 1900. Sie ist in erster Linie der Zusammenarbeit mit dem Verleger Edouard Pelletan zu verdanken. Aus seiner umfangreichen verlegerischen Arbeit heben sich die unter Mitarbeit Steinlens entstandenen Publikationen ab. Zu ihnen gehören „Histoire du Chien Brisquet“ von Charles Nodier (erschienen 1900), der „Almanach du Bibliophile pour l’Année 1900“ und „L’Affaire Crainquebille“ von Anatole France (beide 1901), „Cinq Poèmes“ von Victor Hugo (1902) und, in grösserem zeitlichen Abstand, „La Chanson des Gueux“ von Jean Richepin (1910). Nicht bei Pelletan erschienen Jehan Rictus’ „Les Soliloques du Pauvre“ (1903), Emile Morels „Les Gueules noires“ (1907) und Lucien Descaves’ „Barabbas“ von 1914.
Die Briefe von T.-A. Steinlen belegen, mit wie viel Sorgfalt der Künstler seine Buchprojekte ausführte. Es ist überliefert, dass Steinlen nur Texte illustrierte, die ihm vertraut waren und die ihm persönlich entsprachen.
Die Bildwelt von T.-A. Steinlen
Die Katze

L'hiver, chat sur un coussin, 1909
Zürich, Privatbesitz
Zeit seines Lebens blieb die Katze, schwarz oder gefleckt, einzeln oder in Gruppen, spielerisch oder ausgelassen, eines der Hauptthemen Steinlens. In Zeichnungen, druckgraphischen Werken, Gemälden und gar dreidimensional (einzig Katzen realisierte Steinlen als Skulpturen), tauchte sie als Motiv auf. Mit zwei Katzen warb Steinlen für seine erste Ausstellung 1894: eine buntgefleckte und — im Hintergrund — eine schwarze Katze zieren das Plakat. Steinlen begreift die Katze als Begleiter des Menschen, welche auch domestiziert ihre charakteristischen Eigenschaften, ihre Integrität bewahrt.
Die Strasse ist für Steinlen der Ort, an dem unterschiedliche Aspekte und Akteure des Pariser Lebens erfassbar sind. Die Strasse, die er in unzähligen Skizzen festhält, konzentriert sich vornehmlich auf dem damals noch ländlich-vorstädtischen Montmartre, wo sich Reiche und Arme flüchtig begegnen, Frauen und Männer zur Arbeit gehen, festliche Umzüge stattfinden.
Die Strasse ist aber auch der Ort, wo die Menschenmasse ihren Unmut gegen soziale Ungerechtigkeit und politische Entscheide bekunden kann.
Arbeit und Musse
Schwer beladene Wäscherinnen, Näherinnen, Blumenverkäuferinnen, Bedienstete im Konflikt mit ihren Arbeitgebern oder wohlbemittelte und -beleibte Herren, die im Panama-Skandal verwickelt sind, sind Beispiele in Steinlens Werk für damalige Arbeits- und Lebensverhältnisse.
Steinlen zeigt daneben auch die Zeit der Musse: Schwätzerinnen, flüchtige Begegnungen von Frau und Mann, einsame Spaziergänger, nicht ganz unschuldiges Beisammensein.

La marchande de poissons, 1895-1900
Saint-Denis, Musée d'Art et d'Histoire
Mit Ausnahme der Katzen- und Aktdarstellungen bilden Gesellschaftskritik, Auflehnung gegen Ungerechtigkeit und Desillusion die zentralen Themen seines Schaffens. Dies gilt ebenfalls für die Bilder mit Darstellungen von Paaren: Auch hier spricht Steinlen die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse an, indem er das zeigt, dass diesen Paaren das Glück versagt bleibt oder sich auf einen kurzen, gefährdeten Moment beschränkt und dies aus dem unterprivilegierten Zustand erklärt, in dem sich die der Armut und der Strasse ausgesetzten Paare befinden.
Misere
Die Benachteiligten und Notleidenden stellen in Steinlens Werk ein zentrales Thema dar: Bettler, Arme, Verfolgte, mittellose Alte und andere Randständige hält er auf dem Papier fest und wird dadurch zu ihrem Verteidiger.
Besonders häufig behandelt Steinlen das Thema des verlassenen, durch die Strassen streifenden alten Mannes. Ausgangspunkt für diese Darstellungen bildete der Vagabund als der gesellschaftlich nicht Integrierte. Die herumstreunenden Vagabunden sind von Resignation und Desorientierung, zuweilen Aufbegehren gekennzeichnet: der sozial Benachteiligte ist letztlich immer auch der Heimatlose.
Krieg
In Paris wurde der „Grosse Krieg“, wie in Frankreich der Erste Weltkrieg heute noch genannt wird, zuerst als „Ruf der Republik“ vernommen, zu einem patriotischen Siegesmarsch, angeführt durch die Symbolfigur der Marianne. Doch bald kamen Ernüchterung und Leid, welche Steinlen unverblümt darstellt. Steinlen schildert vor allem die Auswirkungen und die Randerscheinungen des Krieges, die Menschen hinter der Front, die Witwen und Verwundeten, die Abschied nehmenden, auf den Transport wartenden oder heimkehrenden Landser und die Vertriebenen mit ihren Habseligkeiten. Dabei vermeidet Steinlen alles Heroische und Martialische, welches die damalige Kriegspropaganda kennzeichnete. Eine von Februar bis März 1917 laufende Ausstellung in der Galerie La Boétie in Paris und eine ausschliesslich dem Thema gewidmete, 1918 erschienene Sondernummer von „L’Art et les Artistes“ dienten der Verbreitung von Steinlens Kriegsgraphik.
Le coup de vent, 1915
Zürich, Privatsammlung Zürich, Privatsammlung
Biographische Angaben Théophile-Alexandre Steinlen
1859 am 10. November in Lausanne geboren.
1859-76 Steinlen verbringt seine Kindheit und Jugend in Lausanne, wo er das humanistische Gymnasium besucht.
1876-79 Studienjahre an der Philosophischen Fakultät Lausanne, die er ohne Abschluss verlässt.
1879-81 Lehre als Textilmusterzeichner in Mulhouse
1881 Nach der Lektüre von Zolas „L’Assomoir“ („Schnapsbude“) Übersiedlung nach Paris. Steinlen wohnt mit seiner Frau Emilie, 2, rue Menessier.
1882 Bekanntschaft mit Adolphe Willette, der ihn in das im Jahr zuvor von Rodolphe Salis am Boulevard Rochechouart gegründete Künstlerlokal „Le Chat Noir“ einführt. Salis gibt eine hauseigene illustrierte Zeitschrift gleichen Namens heraus. Die Startauflage beträgt 12 000 Exemplare.
1883 Ab 1. September Mitarbeit Steinlens am „Chat Noir“. Von 1884 bis 1896 ist er — vor allem mit Tiergeschichten in Form von Bildergeschichten ohne Worte — der führende Zeichner des Montmartre-Blattes. 1891 stellt er seine Mitarbeit ein, liefert der Zeitschrift aber noch 1895 sein Selbstporträt.
1885 Der „Chat Noir“ zieht in die 12, rue de Laval (heute rue Victor Massé) um. Mit dekorativen Wandbildern und einer „Apothéose des Chats“ beteiligt sich Steinlen an der Ausstattung der neu eingerichteten Räume. Auch die Originalentwürfe seiner für die Kabarettzeitschrift gelieferten Zeichnungen schmücken nach und nach die Wände des Lokals.
Der Sänger und Volksdichter Aristide Bruant übernimmt die alten Räume des „Chat Noir“, um selber ein Künstlerlokal und eine Zeitschrift, beide „Le Mirliton“ (die Rohrflöte) genannt, zu gründen. Steinlen, der den Chansonnier im „Chat Noir“ kennen gelernt hatte, sowie Camille de Sainte-Croix und Georges Courteline, die für den literarischen Teil des „Chat Noir“ mitverantwortlich gewesen waren, schliessen sich Bruant an. Ab 1888 stammen fast alle Titelblattzeichnungen des bis 1896 unregelmässig erscheinenden „Mirliton“ von Steinlen. Sie fangen in humorvoll-treffsicherer Weise das Leben der „kleinen Leute“ ein.
1887 Steinlen beendet seine Mitarbeit an Salis’ „Chat Noir“.
1888 Bruant veröffentlicht einen Chansonband, „Dans la Rue“, für den Steinlen die Illustrationen liefert. Die neuartige Publikation wird ein grosser Erfolg und ist nach wenigen Wochen vergriffen. 1895 erscheint der zweite Band von „Dans la Rue“. Geburt der Tochter Colette, die später für verschiedene der bekanntesten Plakate Steinlens Modell sass.
1890 Bewohnt mit seiner Frau in 58, rue Caulaincourt ein Gartenhaus, die „Cats Cottage“.
1891 Beginn der Mitarbeit am „Gil Blas“. Diese bedeutende Tageszeitung fügte ihrer Samstagsausgabe einen literarischen Sonderteil bei. Zwischen 1891 und 1900 lieferte Steinlen für den „Gil Blas illustré“ in der Regel die Lithographie für die Titelseite. Annähernd 400 Blätter, deren sozialkritischer Inhalt Aufsehen erregt, festigen Steinlens künstlerischen Ruf.
1892 Beendet mit der Aprilausgabe (Nr. 81) die Mitarbeit bei Bruants „Le Mirliton“.
1893 Steinlen zeichnet nun für Gérault-Richards „Chambard Socialiste“. Er signiert die Blätter mit P.P. (Petit Pierre = franz. Übersetzung von „Steinlen“). Seit diesem Jahr stellt er zudem im Salon des Indépendants aus.
1894 Illustrationen für die von Zo d’Axa geführte Zeitung „En-dehors“. Erste Ausstellung bei „La Bodinière“, die ihm einen beachtlichen Verkaufserfolgt bringt. Er zeichnet die berühmten Plakate „Lait pur stérilisé de la Vingeanne“ und „Yvette Guilbert“. Steinlen wird von Langen, dem späteren Direktor des Simplicissimus, nach München eingeladen.
1896 Steinlen zeichnet für Rodolphe Salis das immer noch bekannte Plakat des „Chat Noir“.
1898 Die ersten Radierungen entstehen. Mitarbeit an Zo d’Axas „La Feuille“; die Zeitung erscheint vom 6. Oktober 1898 bis März 1899. Für die 25 Ausgaben zeichnen neben Steinlen ebenfalls Willette, Léandre, Couturier, Anquetin, Hermann-Paul und Luce.
1900 Stellt im Mai bei Pelletan 25 Blätter aus, die als Vorlagen für Nodiers „L’Histoire du chien de Brisquet“ gedacht sind. Für den „Almanach du Bibliophile“ zeichnet Steinlen 31 Arbeitsdarstellungen.
1901 Gestaltet 63 Illustrationen für Anatole Frances „L’Affaire Crainquebille“. Steinlen erhält die französische Staatsbürgerschaft. Arbeitet für die „Assiette au beurre“ mit Hermann-Paul, Ibels, Jossot und Roubille zusammen. Dieser Kreis erweitert sich um van Dongen, Juan Gris und Jacques Villon.
1902 Für den Druck der Trauerrede, die Anatole France anlässlich der Beerdigung von Emile Zola hält, stellt Steinlen 7 Zeichnungen — darunter ein Portrait des verstorbenen Schriftstellers — zur Verfügung.
1903 Ausstellung in der Galerie Pelletan. Für den Katalog schreibt Anatole France das Vorwort. Illustriert „Soliloques du pauvre“, von Jean Rictus, Pseudonym von Gabriel Randon de Saint-Armand.
1907 Steinlen illustriert Emile Morets „Geuules noires“, das den Bergleuten gewidmet ist.
1909 Steinlen beteiligt sich am Salon d’automne.
1910 Pelletan veröffentlicht die „Chansons des Gueux“ von Jean Richepin, welche Steinlen illustriert. Tod seiner Frau Emilie. Massaida, die auch für Forain Modell stand, übernimmt für Steinlen und seine Tochter Colette den Haushalt. Colette heiratet den Dirigenten und Komponisten Désiré-Emile Inghelbrecht.
1911 Steinlen beteiligt sich als einer von elf Gründern an der Zeitschrift „Les Humoristes“.
1912 Verkauf von 125 Zeichnungen aus dem Besitz des Haager Sammlers M.C. Hoogendijk. Ausstellung in Brüssel.
1913 Emile de Crauzat veröffentlicht ein Werkverzeichnis: „L’Oeuvre gravé et lithographié Steinlen“. Ausstellung in Lausanne.
1917 Die Galerie La Boétie stellt von Februar bis März Steinlens Darstellungen zum Ersten Weltkrieg aus.
1918 Steinlen, der sich während des Kriegs auch an der Front aufgehalten hatte, erhält von „L’Art et les Artistes“ eine Sondernummer, die unter dem Titel „La Guerre par Steinlen“ veröffentlicht wird.
1922 Erneute Ausstellung bei Pelletan.
1923 Im April stellt Steinlen in der „Galerie des Beaux-Arts“ aus. Am 14. Dezember erliegt Steinlen einem Herzanfall im Hause seiner Tochter Colette, 73, rue Caulaincourt.
1924 Auf Initiative von Willette hin wird „Une Société des Amis de Steinlen“ gegründet.
R.V.
[1] H.W. Singer attestiert A.T. Steinlen eine „starke, grosse Begabung“, bedauerte aber, dass er sie für politische und illustratorische Zwecke missbrauchte. (H.W. Singer, Die moderne Graphik, Leipzig 19202, S. 466). Mit den Worten Singers weist H.H. Hofstätter darauf hin, dass im Werk Steinlens „der Politiker und Soziologe eine grössere Rolle spielt als der Künstler“ (H.H. Hofstätter, Geschichte der europäischen Jugendstilmalerei, Köln 19724, S. 104.) In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Steinlen Künstler wie Picasso oder Fernand Léger beeinflusst hat.
[2]Zitiert nach G. Renard, Steinlen, in: La Revue du Peuple, Nr. 4, 1904, S. 118 („Nie habe ich eine retrospektive Zeichnung gemacht. Ich kann mit einem Archaismus nichts anfangen; das lässt mich kalt. Ich liebe ausschliesslich das pulsierende Leben.“)
[3]Zitiert nach D.-E. Inghelbrecht, Il y a vingt ans mourait Steinlen, in: Panorama, 16. Dezember 1943 („Alles kommt aus dem Volk, und wir sind nur sein Sprachrohr, das Destilliergerät, in dem sich sein unklares Denken verdichtet.“)
